SVEN DECKER
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Sven Decker‘s TRANSPARENCY "Sepia" (GDM07)

Der Kölner Saxofonist Sven Decker ist eigentlich ein hageres Kerlchen - auf dem treffend betitelten Opener „No Boundaries“ bläst er sein Tenor aber so muskulös, dass man nicht weiß, wer hier wen vor sich her treibt: Die vorzügliche „rhythm section“ aus Matthias Akeo Nowak (Bass) und Etienne Nillesen (Schlagzeug) den Saxofonisten oder umgekehrt. Dass man dieses „high energy“-Powerplay nicht über ein ganzes Album halten kann, ist klar und auch gar nicht wünschenswert. Und so ergeht Decker, der sonst in Bands wie Ohne 4 gespielt drei, Feinkost Decker oder The Bliss zu hören ist, sich in seinem Trio in sich behutsam steigernden Exerzitien („The Tooth Is Loose“) oder einer seinem Schlagzeuger viel Raum gebenden Nummer namens „The Marching Drummer“. Das transparente Spiel der drei Musiker weist jedenfalls so viele Ecken, Kanten und überraschende Wendungen auf, dass es immer spannend bleibt.
(Rolf Thomas, Jazzthing)

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 “Der Beginn spielt mit der Erwartung: Dichte Tonfolgen, viele Noten, “No Boundaries”, schnell, offensiv, kraftvoll. Das ist aber nur der Anfang, sozusagen die dann immer stärkerentschleunigte Ausgangsposition für das, was Sven Decker mit Transparency im neuen Trio verfolgt: “ Reduktion an Klangdichte bei gleichzeitig maximaler Intensität und Transparenz in der Gestaltung melodischer und kompositorischer Stilmittel”. Schon die “Old friends” reduzieren sich auf eine kaum spürbare, leise Melodielinie, in der der gestrichene Bass von Matthias Akeo Nowak und ein hingetupftes Schlagzeug von Etienne Nillesen nach dem Glockenspiel das förmlich hingehauchte Saxophon begleiten. Zwei Pole, zwischen denen sich die CD abspielt, eckig und kantig wie in “The tooth is Loose”, “Felix” oder “The marching drummer”, sphärisch wie in “Etienne”, “Akeo” und dem auf der Melodica gespielten “Longing” romantisch wie im Titelstück “Sepia”, immer reduziert auf das Wesentliche im Vertrauen auf die offenliegende Kraft der nicht gespielten Noten: Weniger ist mehr.”
(Tobias Böcker, Jazzpodium Dezember 2014/ Januar 2015)

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"Köln.  Katrin Scherer und Sven Decker stammen aus dem Saarland und leben in Köln. 2007 hoben die an der Essener Folkwang-Hochschule ausgebildeten Saxofonisten das Label Green Deer Music aus der Taufe, um experimentellen Jazz aus eigener Produktion und Feder zu veröffentlichen.  Nach CDs ihrer Combos Feinkost Decker, Ohne 4 gespielt drei, U.F.O und The Bliss pflegen Scherer und Decker nun mit zwei aus der Kölner Szene rekrutierten Trios das Prinzip des Weniger-ist-mehr.  Scherers neues „Momentum“-Projekt ist konsequent auf drei Instrumente reduziert: Die Musikerin beschränkt sich auf das Altsaxofon und erspielt mit dem E-Pianisten Benjamin Schaefer und Schlagzeuger Christian Thomé immer wieder überraschende Soundtableaus einer Bandbreite von opulent und furios bis sparsam und verträumt.   Sven Decker's Transparency verzichtet komplett auf ein Harmonieinstrument:  Auf dem Album „Sepia“ jazzen Decker (Tenorsaxofon, Klarinette, Melodica, Glockenspiel), Matthias Nowak (Kontrabass) und Etienne Nillesen (Schlagzeug)  mit mitreißender klanglicher und emotionaler Dichte und lassen auch filigrane Momente nicht zu kurz kommen."
(Stefan Uhrmacher, SZ)

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“Momente spontaner Eingebung brauchen musikalische Strukturen, damit “Transparency” entsteht ud Ohren den Improvisationen folgen können. Dieses Prinzip ist dem Multiinstrumentalisten und Komponisten Sven Decker bewusst. Deshalb organisiert er im Trio mit Akeo Nowak (Bass) und Etienne Nillesen (Drums) Klangprozesse wie vielschichtige kurze Erzählungen. Etwa in “Sepia”- Tinktur als dunkles Seufzermotiv an der Klarinette, das sich über minimalistischen Bass- und Drumbesen- Akzenten zur virtuos-expressiven Elegie formt. Manchmal haben die Miniaturen “No Boundaries”, wechseln unstet den Duktus, indem ein flippiges Tenorsax gegen einen stoisch-sonoren Basspart und rockigen Schlagzeug-Groove aneckt. Allmählich sich steigernde Ereignisdichte weist darauf hin, dass “The Tooth is Loose” beim wackeligen Final-Thema herausfällt. Parallelen von scharfen Bass-und Melodica-Akkorden bekommen im “Longing”- Crescendo ihr intensives Gefühl."The marching Drummer” trommelt sich durch Jazzrockmuster, “Akeo” umkreist ein Basismotiv im Bass-Solo mit meditativen Bewegungen und “Sven” nähert sich über gehauchten Tönen und Multiphonics einem Jazzriff.

Das ist charakterstarke Klangprosa.”

(Hans-Dieter Grünefeld- Hifi& Records 1/ 2015)

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Sven Decker – Tenor Sax, Bass Klarinette, Klarinette, Melodica, Glockenspiel
Matthias Akeo Nowak – Bass
Etienne Nillesen – Drums

Vor kurzem schickte mir Sven Decker seine neue CD Transparency Sepia.

Mit Matthias Akeo Nowak am Bass und Etienne Nillesen an den Drums hat sich Sven Decker zwei hervorragende Improvisationsmusiker und Techniker geholt und das Loft ist natürlich für seine Aufnahmequalität bekannt.

Das erste Stück „No Boundaries“ trifft erst mal voll in die 12. Es wird alles gegeben und das Gefühl Grenzen überschreiten zu wollen und es auch zu tun, kommt voll durch. Es klingt wie jetzt fahre ich los und Sven Decker verlangt seinem Saxophon gleich alles ab. Tolle Skalen und Läufe und ein Bassist der alles zu sprängen droht. Etienne Nillesen kennt keine Skrupel, reißt alle mit und alle drei spielen das Stück fast bis zum Zerreißen.  

Das zweite Stück, voller Zärtlichkeit und wohl eine Homage an alte Freunde die mit des Weges gegangen sind.

Es ist aber auch ein Zeichen für die Vielfalt von Sven Deckers Kompositionsmöglichkeiten. Der Rahmen umspannt hemmungslose Energie bis zur Empfindungsgabe die schon berührend ist.

Teilweise Sphärische Klänge bringen den Hörer in andere Welten und irgendwann lässt du dich von der Musik treiben.

„Sepia“ hier brillieren alle drei in einem Dialog und das Klarinetten Spiel von Sven Decker ist einzigartig. Manchmal frage ich mich, spielt er oder spricht er durch die Klarinette. Wenn man ihm zuhört kann man eigentlich schon verstehen was er sagen will. Sein Ton hat jedenfalls eine herrliche Schönheit und Reife.

Etienne Nillesen, zerlegt und setzt alles wieder zusammen. Ein Teppich auf dem Solisten sich tragen lassen können und Etienne nicht nur den Rhythmus spielt, sondern mitspielt und alles zu einem Ganzen wachsen lässt.   

„Akeo“ und der Bass. Wenn jemand ein Gedicht mit einer Erzählung vortragen muss so kann es nicht anders klingen. Akeo hörte ich mir gleich mehrmals hintereinander an. Ich habe einen Freund der über Jimmy Garrison mal sagte „Der kann ja mit seinem Bass-Spiel Panzerschränke knacken“ und ich glaube das kann Akeo Nowak auch. Um das so Gefühlvoll und eindringlich zu spielen, bedarf es viel Kraft um die Seiten so klingen zu lassen wie er es will.

Das Stück „Sven“, ein Selbstporträt. Es beinhaltet alle seine Fähigkeiten sich durch das Saxophon zu präsentieren. Ein Spektrum an Klangfarben wie ein Bilderreigen. 3 Minuten und 25 Sekunden sagen alles was wichtig ist.

Man kann Sven Decker, Akeo Nowak und Etienne Nillsen zu dieser Einspielung nur gratulieren. Es steckt so viel in diesen Stücken dass man diese mehrmals hören muss und immer wieder Neues hört. Es ist ein Ganzes und in sich abgeschlossenes Werk.

Kurt Rade (“Virgin Jazz Face” Januar 2015)


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Ohne 4 gespielt drei: Time Trial (GDM 05- VÖ März 2012)


Heiterkeit und schräge Sounds
Ohne 4 gespielt drei – Das saarländische Experimentaltrio steigert sich mit dem neuen Album „Time Trial“

„In Jazzkreisen ist es längst bekannt: Hinter dem kuriosen Nenner Ohne 4 gespielt drei verbergen sich Katrin Scherer (Saxofone), Sven Decker (Tenorsaxofon, Bassklarinette) und Bernd Oezsevim (Schlagzeug).
In konstanter Regelmäßigkeit veröffentlicht das 2003 formierte Experimentaltrio Alben. Dass diese keinesfalls Gefahr laufen, zu Routineübungen zu verkommen, unterstreicht die dritte CD "Time Trial" (Green Deer Music). Im Gegenteil: Unter heiteren Überschriften wie "Wolpertinger" und "Früher war mehr Lametta" (Zitat nach Loriots Opa Hoppenstedt) fahren die aus dem Saarland stammenden Folkwang-Absolventen wieder nach allen Regeln der Kunst funkige Grooves und bebopige Bläserläufe gegen die Wand. Außerdem ergehen sie sich in knatternden Staccati, bauen unorthodoxe Instrumente (unter anderem eine Melodica) ein und erschaffen schräge Soundkollagen. Ohne an Frische und Überraschungswert einzubüßen, wirkt der "Ohne 4 gespielt drei"-Newjazz heute freilich konzentrierter und kommt immer zwingender auf den Punkt.“ uhr

(Stefan Uhrmacher, SZ Januar 2012)

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„Beweglich, behände, bissfest: Was Katrin Scherer, Sven Decker und Bernd Oezsevim an Saxophonen, Klarinetten und Schlagzeug auf ihrer dritten CD nach „Debut“ und „A40“ bieten, verdichtet den bisherigen Ansatz noch einmal zugunsten kompakter, durchdachter, dabei sehr lebendig ineinander verschachtelter Linienführung, variabler Ausgestaltung der Kompositionen in differenzierter Improvisationskunst und überaus transparenter Klanglichkeit. In einerseits streng durchgespielter Notation, andererseits kreative Freiheit weidlich auskostender Entdeckerfreude setzen die Drei in unmittelbar auf den Punkt kommendem, zupackendem Sound ein erneut spannendes Signal, wie erfrischend zeitgenössischer Jazz mit Köpfchen alle möglichen Allüren einfach so davon blasen kann.“

(Tobias Böcker, Jazzpodium April 2012)


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„... In den zehn erneut von Scherer und Decker geschriebenen Stücken zeigt sich auch eine Reduktion auf das Wesentliche: Man ist weg von der Elektronik und konzentriert sich jetzt auf die Klangfarben der „analogen“ Instrumente...“
„... Und obwohl die Originalkompositionen der beiden nichts von ihrer Sperrigkeit, Kompromisslosigkeit und Unkonventionalität verloren haben, sind die Improvisationsmusik und das Zusammenspiel der Drei noch näher dran am Spirit des Jazz...“

(Martin Laurentius, Jazzthing April/Mai 2012)

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Kreativität, die überzeugt

Ihre Musik gehört vielleicht zu jenen Schätzen, die nicht mit dem Blick auf größtmöglichen Publikumserfolg geschaffen werden. Immerhin hat man in der Mannheimer "Klapsmühl'" entschieden, ihr Konzert wegen Publikumsmangel etwas zu verkürzen. Doch weder befinden sich der Saarländer Saxofonist Sven Decker und seine Holzbläser-Kollegin aus Köln, Katrin Scherer, in dieser Hinsicht in schlechter Gesellschaft -siehe andere Avantgardisten der Kunst -, noch spielen sie langweilige Musik. Im Gegenteil.
Etliche Stilwechsel
Zusammen mit dem sehr präzise und einfallsreich trommelnden Bernd Oezsevim aus Berlin spielt das Trio "Ohne 4 gespielt 3" in jeder Hinsicht außergewöhnliche Musik. Und das ist positiv gemeint. Ob Metrenwechsel, Genre-Brüche, agogische Finessen oder ungewöhnliche Instrumentierungen - alle Eigenkompositionen sind für sich durchaus reizvoll. Dabei ist das Material, das sich mehrheitlich aus den Stücken der letzten CD "Time Trial" zusammensetzt, nicht nur für den Hörer sehr anspruchsvoll. Mit mehrstimmig komponierten Themen, wie in "Up & Download" von Decker oder in Scherers "Fenster zum Garten", in dem ein Glockenspiel-Ostinato mit dem filigranen Perkussionsspiel Oezsevims gepaart wird, beeindruckt das Trio ebenso wie im Up-Tempo-Titelstück der CD mit etlichen Stilwechseln.
Gerade im Jazz, der so viele neue Entwicklungen hervorgebracht hat, kann man sich den Luxus populärer Seichtheit ohnehin nicht leisten. Dass "Ohne 4 gespielt 3" nun mit ihrem neuen Konzept aus kammermusikalischer- und improvisierter Individualität erst ihr Publikum überzeugen müssen, ist der Preis für ihre Kreativität. Und davon hat das Trio viel im Gepäck. Ein kleiner Mangel liegt jedoch im fehlenden Bass. Zu höhenlastig kommt ihr magerer Sound manchmal aus den Lautsprechern. Und das liegt an der sehr sparsamen Instrumentierung. Kreativität darf manchmal auch etwas opulenter klingen.

(Andreas Ahlemann, Mannheimer Morgen, 31.03.2012)

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„ Manchmal glaubt man, Katrin Scherer und Sven Decker würden sich beim Spielen immer wieder selbst überraschen- wenn sie etwa in „Wolpertinger“ an Bariton- und Tenorsaxofon Haken schlagend umeinander wuseln. Kein Bass, kein Klavier- das ist immer noch das Alleinstellungsmerkmal des Trios mti dem schrägen Namen und bedeutet eine Menge Arbeit für Schlagzeuger Bernd Oezsevim, der den beiden Bläsern den Boden bereitet und immer zur Stelle ist, wenn es heißt, in eine neue Richtung zu abzubiegen oder einfach einen satten Groove zu zimmern.

Was da alles möglich ist, wird exemplarisch im Titeltrack deutlich: Altsaxofon und Bassklarinette ergeben fein aufeinander abgestimmte Kontraste, zwischendurch greift Decker jedoch zur Melodica, jenem Kinderinstrument, das mit seinem quäkendem Sound zum Schrecken vieler Elternpaare geworden ist, und führt das Stück so auf völlig neues Gelände. Ein feines Swingschlagzeug lässt dagegen den „Husarenritt“ zu einem echten Ohrwurm werden. Decker und Scherer verstehen es, sich gegenseitig in Szene zu setzen, brauchen dafür aber auch den ständigen Austausch. „Früher war mehr Lametta“, hieß der Stoßseufzer von Opa Hoppenstedt, bei Ohne 4 gespielt drei ist es ein fein hingetupfter Hindernislauf aus sich gegenseitig überlagernden Rhythmen, bei dem man nie genau weiß, wo es melodisch als Nächstes hingehen soll.
Gerade das macht den Reiz dieser Band aus- und ein atmosphärisches Irrlicht wie „Fenster zum Garten“, bei dem aus einem einsam vor sich hin dengelnden Glockenspiel und gestrichenen Becken sich allmählich eine schüchterne Melodie erhebt, zeigt, dass das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist.“

(Rolf Thomas, Jazzthetik Mai/ Juni 2012)
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(By JERRY D’SOUZA, „All About Jazz“ Mai 2012)

Ohne 4 gespielt drei is a trio of improvisers active on the improvised jazz scene in Köln and Berlin. All three lived in the Ruhr area before saxophonists Katrin Scherer and Sven Decker moved to Köln, while drummer Bernd Oezsevim took up residence in Berlin. They make for perfect cohorts through an intuitive understanding that processes the inner workings of a composition for a satisfying resolution.
Scherer and Decker complement each other as they kindle a composition through a judicious balance of sound and silence. They make “The Move” on a melodic escarpment, with Scherer on baritone saxophone and Decker on tenor. The two saxophones forge a bright path underlined by a crisp beat set by Oezsevim. When the air dissipates, the two saxophonists get into some call-and-response before harkening back to the melody. Change is rife, as Decker uses his horn to add depth before exploding into free terrain all the while counterpointed by the baritone. Shape shifts but the body is compact and compelling.
The mood and tone are different on “Warteschleife,” a breathy, shimmering ode that unfurls in soft folds. This does not draw from the innate intensity that Scherer and Decker invest—the lines taut, yet filled with an indelible emotional presence. The tune is made all the more attractive thorough the varied hues with which Oezsevim textures the rhythm.
“Up & Download” is effervescent, the two horns dancing in unison, with long lines interspersed by short bursts. The greater thrust, and so the impact comes from the free-wheeling jaunts of Decker and Scherer, who use the glockenspiel to drop liquid notes into the once molten mix.
The trio is comfortable in both giving a theme its due and finding ways to add physical and spatial dimension. Invention thus becomes a rational exponent of composition giving their sound a certain attraction.
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Immer wieder gibt es junge Bands, die zwar die Regeln der Improvisation kennen und alle musikalischen Grundregeln, aber gerne ihren eigenen Weg gehen, nicht irgendwelchen Vorbildern nacheifern, um ja nicht die richtige kommerzielle Ebene zu verpassen. Ein solches Ensemble ist das Trio Ohne 4 gespielt drei, offensichtlich 3 Skat- Freunde: Katrin Scherer, Alt- und Baritonsaxophon und mehr, Sven Decker, Tenorsaxophon und Bassklarinette und Bernd Oezsevim, Schlagzeug.

Seit neun Jahren gibt es das schon in der Besetzung nicht alltägliche Trio. Etliche Jahre haben sie in Essen gelebt, studiert und gearbeitet. Nun hat es sie nach Köln gezogen und vor Kurzem haben sie ihre dritte CD veröffentlicht. Die kommerziellen Probleme, ein Label zu finden, haben sie elegant umschifft, in dem sie das eigene, Green Deer Music, gegründet haben. Und die Musik?
Zunächst stößt man auf einen ziemlich aussergewöhnlichen Sound der beiden Saxophone, die sich durch höchst einfallsreiche Gesänge abwechseln. Die Saxophonstimmen sind für sich genommen natürlich nicht außerirdisch, aber in dem Zusammenwirken liegt das Besondere dieses Trios.
Der Schlagzeuger schafft im Hintergrund eine Basis, die große Bilder entstehen lässt.
Und gelegentlich darf er auch seine eigenen Gedanken ganz allein entwickeln und von sich geben.
Insgesamt ein schönes Erlebnis, einmal sehr gelungene nicht alltägliche Klänge zu erleben.

(Hans- Jürgen von Osterhausen, Jazz-Zeitung Juni/Juli/August 2012)



Filippa Gojo & Sven Decker

Das Publikum meint:
„Das war ein wunderbares Konzert! Meditativ, spannend, berührend, überraschend, witzig, ein toller Abend! Danke!“  (Ninette N., Bergisch Gladbach)
"Cooles Duo. Mutig. Zerbrechlich. Aber ihr seid stark genug es zu tragen.“  (Simon C., Essen)
„Es war zauberhaft. So tolle Musik“  (Jana H., Düsseldorf)
"Die Stimme ist ja echt außergewöhnlich, man kann teilweise nicht unterscheiden, ob Instrument oder Stimme. Das Zusammenspiel ist beeindruckend" (Katja S.-T. aus Hemmersdorf)
"...klingt für mich wie ein neuer Anfang von moderner und unkonventioneller Volksmusik, die neue Wege geht. Absolut klasse." (Kurt R, Witten)
" ...Ich kann nur sagen "vielen Dank". Da haben sich wirklich zwei gefunden. Wunderbar ausdrucksstark mit überraschenden Wendungen und Farben.Und wieviel Platz Ihr der Musik gebt. Am besten gefallen mir glaube ich Zirbenwald und Laber Rhabarber...“  (Matthias N., Dortmund)
"Vielen Dank für das tolle Konzert gestern. Eure Musik und die Art wie ihr sie vermittelt, gefällt mir wirklich gut. (Fine M., Bielefeld)
"...es war ein wunderbar intensiver Abend mit Euch im Bunker Ulmenwall - getragen von einem spannenden Konzept, von sinnlicher Klanglichkeit, von einem bestechenden Zusammenspiel, und nicht zuletzt auch von einer tollen Bühnenpräsenz, geprägt von einer einnehmenden menschlichen Wärme, die weit über den Bühnenrand und das übliche Maß hinaus ein großes "Wir" entstehen liessen. Ich denke, der Abend mit Euch wird bei uns allen noch lange nachwirken... danke!" (Frank A., Bunker Ulmenwall, Bielefeld)
"...Es passiert manchmal dass sich Musiker treffen und dann passiert was Außergewöhnliches. Hier trifft es mehr als zu..."
"...Ein Konzert, das für mich Richtungsweisend war und in Erinnerung bleibt....“ (Kurt R., Witten)

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„....und ich wage zu behaupten, female vocals und Bassklarinette haben sich noch nie so
organisch umschlungen im modernen Jazz wie hier bei den beiden...“ (Guenter Hottman, hr2)

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Kontraste
„daheim“ – Das Duo Filippa Gojo und Sven Decker im Spiel der Kontraste

Von Dietrich Schlegel. Der Saxophonist, Komponist und Bandleader Sven Decker und die Vokalistin Filippa Gojo sind seit Jahren fest in der Kölner Jazzszene etabliert und sich dennoch nie begegnet. Bei viel beschäftigten Musikern kann das vorkommen. So dauerte es Jahre bis zu einem Konzert des Thoneline Orchestra Ende Juni in Passau, als die beiden sich erstmals persönlich sahen und hörten, Gojo als festes Mitglied des Orchesters der Kölner Saxophonistin und Komponistin Caroline Thon und Decker als Aushilfe im Saxophonsatz der Band. Gleich einem Blitz hatte es bei Decker eingeschlagen: „Sofort nach diesem ersten Aufeinandertreffen und nachdem ich auf der Rückfahrt im ICE auch noch Filippas letzte, die Solo-CD „vertraum“ gehört hatte, war ich derart inspiriert von ihrer Art zu singen und zu improvisieren, dass ich sofort begann, Musik für uns beide zu komponieren.“ Und Filippa auf die Frage, wie sie diese Begegnung empfunden habe: „Das musikalische Verständnis füreinander war unvermittelt da. Dazu kam Svens von vornherein glasklare Vorstellung eines Duo-Klanges, die er auch derart schnell auf Papier gebracht hat, dass ich eine Woche nach unserer ersten musikalischen Begegnung eine E-Mail mit lauter frisch für unser Duo geschriebenen Stücken in meinem Postfach hatte. So was habe ich wirklich noch nie erlebt!“ Aus dieser Begeisterung heraus entstand nach nur sechs Monaten die CD „daheim“, für Decker „eine meiner persönlichsten, wenn nicht gar die persönlichste Veröffentlichung“. Und auch der Sängerin liegt die CD „persönlich sehr am Herzen“. Überraschende Bekenntnisse, wenn man die ansehnliche Zahl an CDs überschaut, die beide mehrfach ausgezeichnete Musiker bereits vorgelegt haben. Neben drei älteren Kompositionen – „Elephants Walk, „Blues for Bud“ und „Herbst“ -, die er nur neu arrangieren musste, hat Decker neun Stücke speziell für dieses Duo geschrieben. „Nach nur einer Woche intensiver Schreib- und Arrangierarbeit“, so Decker, „stand das Programm, und nach ein paar Proben gab es schon die ersten beiden Konzerte, im Essener ‚Goethe-Bunker‘ und im Kölner ‚Loft‘.“ Für die CD wurde ein Teil der Stücke vom Konzert im ‚Loft‘ übernommen. Der Rest wurde zwei Wochen später während einer eintägigen Session im Kölner „Tonstudio der Welt“ ebenfalls live eingespielt.
Diese Eile, die keinem irgendwie gearteten Produktionsdruck entsprang, sondern allein der stimulierten Kreativität dieser jungen musikalischen Partnerschaft, hat dem Ergebnis keinesfalls geschadet, sondern offenbar noch zusätzlich befruchtend gewirkt. Alles, was sich an Ideen angesammelt und angestaut hatte, musste einfach heraus. Das Endprodukt wird geprägt durch reizvolle und überraschende Kontraste. Das trifft allein schon zu auf den spannungsvollen Gegensatz zwischen Filippas Stimme, besonders in den hohen Lagen, und Svens Bassklarinette, die er – seine Saxophone völlig beiseite lassend – hier noch häufiger spielt als die Klarinette. Gerade auf dem Tieftöner erzeugt er bisweilen, entsprechend der jeweiligen Komposition und Filippas notierter oder improvisierter Stimme, sperrige, schräge, knarzende, stöhnende, fauchende Klänge oder auch nur Geräusche. So beispielsweise in dem Stück „Zirbenwald“, in dem eine erst zauberische, dann fast schon unheimliche Stimmung erzeugt wird. Oder auch im „Elephants Walk“, wo sich die Vokalistin und der Holzblaser an der Erzeugung grunzender, trötender, flötender Geräusche der Wildnis geradezu überbieten. Wie in manchen der anderen Titel und bei allen ihren Konzerten setzt Filippa auch hier einfühlsam und wirkungsvoll die Shrutibox ein, dieses aus Indien stammende, einer Ziehharmonika oder im Klang auch einem Harmonium ähnelnde Instrument. Zur klanglichen und atmosphärischen Bereicherung nutzt Filippa auch gern ein Megaphon, die Kalimba und in „New Friends“ auch die Sansula, ebenfalls ein Daumenklavier, mit der durch eine zugefügte Membrane auch Wa-Wa- und Echo-Effekte erzielt werden können. Auch Decker erweitert sein Instrumentarium durch Melodica und Glockenspiel. Dieses zusätzliche Material trägt bei fast allen Stücken zu den Kontrasten im klanglichen Spektrum bei. In dramaturgisch geschürzten Wechsel sind lebhafte, groovende, jazzige, temporeiche, laute, sperrige Stücke zwischen verhaltene, leise, sehnsuchtsvolle, zarte, melodiöse Songs gesetzt.Damit ist zugleich das Stichwort für Filippa Gojos Gesang gefallen: Bis auf eine Ausnahme, das Titelstück „daheim“, gibt es keine Texte im Wortsinn. Sie nutzt ihre Stimme in vielfältigster Weise als Instrument. Das kennen wir von anderen Sängerinnen auch, denken wir nur an Norma Winstone, Gabriele Hasler oder Sidsel Endresen. Aber Filippa hat inzwischen ihren ganz eigenen Stil gefunden. Sie formt jeden Ton entsprechend der kompositorischen Vorgabe, hell oder dunkel oder mezzo, dramatisch bis zum Diskant wie im Opener „Train Journey“. Oder pianissimo wie in „Laber Rhabarber“, ein Titel, der sprechender nicht vermitteln kann, was hier auf den Hörer einstürmt: Nach einem vertraulichen Dialog voller Neckereien zwischen Stimme und Klarinette kommt es unvermittelt zu einem kurzen, aber heftigen Streit oder Kampf, der jedoch bald abflaut und übergeht in ein intimes, zärtliches Geflüster und auslaufend in einem tiefen Seufzer.
So entstehen wahre „Lieder ohne Worte“ in fast schon Mendelssohnscher Weise, da die Stimme als Instrument für ihre Erzählungen keiner Worte bedarf. In „Summer Song“ wird die fast elegische Stimmung eines Duetts zwischen Filippas hier ganz klarem Alt und Svens Melodica durch sein zartes Glockenspiel noch unterstrichen. „Reflection“, eines der aus subjektiver Sicht eindrucksvollsten Stücke, meditativ und largo di molto, erinnert an mongolische Kehl- und Obertongesänge, zumal die auf der Bassklarinette erzeugten Windgeräusche zum Schluss an die Weite asiatischer Stellen denken lassen. Der Zauber- „Zirbenwald“ schließt unmittelbar an. Später folgt „Herbst“, mit einem Glockenspiel-Intro, ein aus Stimme und Melodica in Töne umgesetztes herbstliches Farbenspiel. Schließlich „gruen“, der Ausklang, wieder voller zarter Töne von Glockenspiel und Melodica, einer anfangs verhaltenen Filippa, die sich in dieser an Kirchen- oder Weihnachtslieder gemahnenden Komposition bis hin zu Gospelanklängen steigert. Und davor und dazwischen die besagten Kontraste: Die dynamische „Train Journey“, ein diesem Titel entsprechendes diminuendo et crescendo, mit einem der in anderen Stücken auch auftauchenden blendend exakt gesungenen und gespielten unisono Passagen. Im jazzigen „Blues for Bud“, ein auf den „Summer Song“ folgenden Wachmacher, wird von Filippa beherzt „gescattet“, und der Song läuft in eine beboppige Coda aus. Der wilde „Elephant Walk“. Das erst coole, dann hitzige „39,3 Grad Celsius“, in dem sich Megaphon und Bassklarinette ein heißes Duell liefern. „New Friends“ leitet dann leichtfüßig mit einem sensiblen Sansula-Solo zum Schlusstitel „gruen“ über. Nicht zuletzt aber müssen wir uns noch dem Titelstück „daheim“ widmen. In dem einzigen Lied mit Worten greift Filippa Gojo auf ihren geliebten Vorarlberger Dialekt zurück, den sie erst wirklich schätzen gelernt hat, seit sie in der „Kölner Diaspora“ lebt. Sie besingt in ihrem eigenen, für Deckers Komposition geschriebenen Text einen endlos langen Weg, der „het ned amol an Anfang... Koan Anfang, koa End“. Und dazwischen spielt sie mit über- und untereinander geworfenen Worten wie „koan Huckl, koan Buckl, koa Gruckl“ und „nix kucklat, nix bucklat, nix rucklat“ Silben, wie geschaffen für Lautmalereien und –spielereien. Ein bei allem Schabernack anrührendes Lied voller Sehnsucht, fast ein Heimatlied, ohne dass es sentimental wirkt, dazu ist der Text auch zu hintergründig (der gesamte Text findet sich im Album hinter der CD). Abgerundet wird der Gesamteindruck dieser anspruchsvollen und doch mit großem Vergnügen anzuhörenden, klang- und kontrastreichen CD durch eine sympathisch schlichte Aufmachung, mit einem stimmungsvollen Herbstfoto Deckers aus einem Kölner Park. Das Booklet zieren Studio- und Konzertfotos von Jana Heinlein. Für die Gesamtgestaltung zeichnet Svens Deckers Partnerin Katrin Scherer. Die Saxophonistin und Komponistin hatte mit ihm zusammen 2007 das Label GREEN DEER MUSIC gegründet, eine seinerzeit mutige Entscheidung, welche die Produktion der eigenen Platten aber auch sehr erleichtert, was auch in diesem Fall zutrifft. Den anheimelnd schönen Titel für die CD hatte übrigens Sven Decker mit Bedacht gewählt. Seine Begründung: „Es gibt Musiker, mit denen spricht man intuitiv die gleiche musikalische Sprache. Man versteht sich fast ohne Worte. Und mit Filippa zusammen Musik zu machen, fühlt sich für mich an, wie angekommen zu sein – eben ‚daheim‘.“

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Poetische Pracht zwischen Betonwänden

Alles neu macht manchmal auch der Oktober. Jedenfalls für Jazz-Fans, denen die „Jazz Offensive Essen“ nun im Goethebunker eine weitere Konzertreihe namens „Betonmusik“ serviert. Die Premiere startete prompt mit ebensolcher, präsentierte sich das Duo “Filippa Gojo & Sven Decker“ doch erstmals live. Eine überzeugende Synthese aus filigraner Vokalkunst und delikaten Klarinettenklängen.
Obschon beide Musiker seit langem in Köln leben, trafen sie erst vor drei Monaten musikalisch aufeinander. Eine Begegnung mit glücklichen Folgen, denn die aus Bregenz stammende Sängerin und der im Saarland geborene Bläser ergänzen einander perfekt, wie sich im gut besuchten Goethebunker zeigte. Zarteste Klarinetten-Melodien verwoben sich da mit meist sprachloser Stimm-Akrobatik über sonoren Bordun-Tönen einer indischen Shrutibox (eine Art Miniatur-Harmonium) oder dem stillen Geklimper einer afrikanischen Kalimba zu kammermusikalischen Gespinsten von betörender Schönheit. Die Filippa Gojo gelegentlich Megaphon-verzerrt gewitzt aufrauhte, dezent begleitet von Sven Decker auch an Melodika und Glockenspiel.
Als die charmante Sängerin obendrein in heimischem Dialekt solierte, kannte der Jubel keine Grenzen mehr. Keine Frage, da blühte Kammer-Jazz in kaltem Beton in poetischer Pracht, erlebte man beglückt ein neues Traum-Duo mit vielversprechender Zukunft.
(Sven Thielmann, WAZ am 09.10.2015)

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Mut zur Emotion |

Filippa Gojo und Sven Decker auf Augenhöhe

Text & Fotos: Stefan Pieper

Essen, 12.10.2015 | Filippa Gojo hat in diesem Jahr den Neuen Deutschen Jazzpreis gewonnen und ist ebenso verdiente Preisträgerin eines Solistinnen-Preises. Auf ihrem Soloalbum „Vertraum“ hat sie ihre künstlerische Selbstfindung unbeirrt weiter getrieben.
Was die heute in Köln Lebende dort mit eigener Stimme zuzüglich diverser Instrumente kreiert, zeugt von Mut, Kreativität und künstlerischer Konsequenz. Die gestalterische Bandbreite ihrer Vokalkunst negiert dabei jede Rollenfestschreibung der heute in Köln Lebenden als „Sängerin“.
In Essen nun trat sie in einen Dialog mit dem Klarinettisten Sven Decker: Leise und intim begeben sich beide gemeinsam auf Klangsuche, finden einander und formulieren Gegenpole. Es gibt keine Rollen oder Stereotypen: Filippa Gojos Stimme wird zum Instrument. Sven Deckers melodische Linien auf den Klarinetten sind wie eine beredte Stimme. Das ist Berührung auf Augenhöhe. Sven Deckers Spiel strahlt viel innere Ruhe aus, produziert aber auch Wendepunkte. Filippa Gojo arbeitet sich an melodischen Mustern und feingewebten Texturen ab.
Vor allem bleibt ihr Orgen so natürlich, so schwerelos bei allen, auch manchmal bizarren Vokalabenteuern.Verwehte liedhafte Elemente wirken kindlich und direkt, lösen sich zugleich spielerisch auf. Manchmal ist auch die Tonalität ein Spielfeld, welches man anarchisch verbiegt. Filippa Gojo leistet sich skurrillen Humor, erzählt Geschichten zu diesen Liedern und in diesen Liedern - die sie auch in der Mundart ihrer Heimat am Bodensee artikuliert. Manchmal bekommt alles eine rituelle Aura, wenn sie sich selbst auf der Skrutibox, einem indischen Harmonium oder auf einer Art Daumenklavier begleitet. Sven Decker spielt Läufe und Phrasen dazu, die all dies auch in richtigen Moment mit einer reflektierten gerne auch mal gegen den Strich gebürsteten Jazzidiomatik erden.
Die etwa zwei Meter dicken Stahlbetonmauern des Goethebunkers schützten diese ganze Skala aus innigen Emotionen und frei fließenden Ideen und boten das ideale Refugium dafür.
Die Jazzoffensive Essen bietet mit dieser neu ins Leben gerufenen „Betonmusik“ nun nach längerer Pause wieder eine eigene Reihe für kleine, experimentierfreudige Besetzungen auf.


Filippa Gojo & Sven Decker |
Daheim
Text: Stefan Pieper | Fotos: Stefan Pieper

Köln, 18.01.2016 | Filippa Gojo geht ihren Weg. Ihre ersten Platten in verschiedenen Besetzungen brachten auf einem Prozess des Suchens schon Resultate wie keine anderen hervor. Im letzten Jahr wagte sie mit dem Solo-Album „Vertraum“ einen emanzipatorischen Befreiungsschlag: Sie selbst allein mit ihrer Stimme ohne das Netz und den doppelten Boden einer Elektronik! Und vor allem ohne Kompromisse!
Jetzt legt sie ein Duo-Album mit dem Saxofonisten und Klarinettenspieler Sven Decker vor – und diese Platte markiert gewissermaßen ein Angekommen sein – deswegen auch der Titel „daheim“.
Filippa Gojos Vokalkunst, die zwischen traditionellem Liedgesang, Jazz bis hin zu Lautakrobatik eine ganze Welt für sich markiert, trifft auf das ebensolche Klarinettenspiel von Sven Decker. Immer ganz dicht dran bleibt sein Spiel an den verqueren Ideenfeuerwerken, träumerischen Verspieltheiten oder wagemütigen Vorstößen ins Unbekannte und Harsche seitens seiner Partnerin.
Die Keimzelle für so vieles markiert schon das Opener-Stück Train Journey: Filippa Gojos Vorliebe für (gerne pentatonische) Akkordbrechungen nährt diese Kompsition. Oft begleitet sie sich selbst auf einem asiatischen Daumenklavier und singt, summt oder scattet über dieses Spiel. Dieses neue Album legt die verschiedenen Stränge dieser Ästhetik in bester Manier offen: Da ist ganz viel Liedhaftes, elegisches im Spiel, auch wenn aus einem zarten Lied in fließendem Übergang eine freie Klang- Stimm-Meditation wird. Zuweilen legt ein kleines Harmonium einen zarten Bordunton unter alles drunter. Und es leben auch verspielte, manchmal an der Grenze zur Ironie aufgebotene Jazzidiome. Viele Intervallsprünge markieren Freudenhüpfer und die ganze Ausdruckspalette ist sehr weitgespannt. Nicht selten ist der geneigte Hörer eingeladen zu einer Gratwanderung zwischen kindlichem Wortspiel und dadaistischer Lautpoesie.
Sven Decker fühlt sich in all dies wie ein symbiotischer Partner ein. So viel Verrücktheit zu beantworten, verlangt Hellhörigkeit und Spontaneität – eben was einen guten Jazzer ausmacht. Deckers Sound ist gerne rauh, zuweilen pumpt er tiefe Begleitmuster durch sein tiefes Horn, wenn Filippa die Silben tanzen oder swingen lässt- oder er spielt lange fast beschwörende Linien, um so manch filigraner vokaler Geste Halt zu geben.
Beide haben ihre Kunst in etlichen Livekonzerten miteinander verzahnt. Und als alles rund genug lief, ist nun ein Album herausgekommen.
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„... Im Unterschied zu den Letztgenannten vergnügen sich Filippa Gojo & Sven Decker lieber „daheim“ mit perfekt praktizierten Extempores. Deren Basis sind oft Unisono-Riffs im Neobop-Stil von Bassklarinette und femininer Scat-Stimme, die sich zu polyphonem Gewebe verwandeln. Melodica-Dronen, Kalimba-Arpeggien oder eine vokal-verfremdende Shrutibox erweitern die Timbres, sodass entlang der Jahreszeiten entlehnten Titel und dazugehörigen Empfindungen sich in einer abwechslungsreich irisierenden Klangpalette ausbreiten können.“
(Neue Musikzeitung/ nmz, Hans-Dieter Grünefeld, Februar 2016)
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„... Filippa Gojo & Sven Decker haben ein Klanggemälde aus Stimme und Instrumenten geschaffen, das permanent in Bewegung ist, Songstrukturen manchmal mehr andeutet als ausformuliert, ständig die Form ändert, dabei aber nie hektisch wird und bisweilen sogar in Melancholie zu verharren scheint. Dabei ist die Musik trotzdem nicht verkopft, sondern auch rein körperlich wahrnehmbar. Ein gelungenes Experiment...“
(Jazzpodium, Volker Doberstein, März 2016)
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...“ Filippa Gojo ist ein Phänomen. Wer die österreichische Sängerin einmal erlebt hat, etwa im fabelhaften Thoneline Orchestra oder in eigenen Aufnahmen wie ihrem letzten Solo-Album vertraum, kann nicht genug von ihr bekommen. So ist es auch dem Kölner Klarinettisten Sven Decker, sonst in wagemutigen Bands wie Ohne 4 gespielt drei oder dem Unidentified Flying Orchestra zu hören, gegangen, als er sie das erste Mal live erlebte. Flugs hat er ihr neun neue Songs auf den schlanken Leib geschrieben, drei ältere neu arrangiert und sich mit Gojo zu Aufnahmen verabredet. Herausgekommen ist eine abenteuerliche Klangreise für entdeckungsfreudige Ohren.
Allein wie Filippa Gojo im Auftakt-Song „Train Journey“ sämtliche Variationsmöglichkeiten ihrer Stimme auslotet: vom lieblichen Flöten über Grenzbereiche, wo es kratzig wird, bis zum kaum mehr hörbaren Flüstern. Sie singt auf dem Album aber nicht nur, sondern spielt auch Shrutibox, Kalimba und Sansula (eine Art Mini-Kalimba) Sven Decker spielt Klarinette, Bassklarinette, Melodica und Glockenspiel.
In halsbrecherichen Unisono-Passagen kann man das intuitive Verständnis der beiden Musiker spüren, die Palette der Songs reicht von meditativ („Reflection“) bis experimentell („Elephants Walk“).
Der schöne Text, den Filippa Gojo im heimischen Idiom für den Titelsong geschrieben hat, ist dankenswerterweise auf dem Innencover der CD abgedruckt-
ein Gespür für Sprache hat sie nämlich auch noch.“
(Rolf Thomas, März /April 2016, Jazzthetik)

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Jazz als raffiniertes Miteinander von Stimme und Klarinette
Text: Stefan Uhrmacher   (Saarbrücker Zeitung, 7.3.2016)
„Wird im zeitgenössischen Jazz die menschliche Stimme instrumental eingesetzt, muss nicht zwangsläufig freejazziges Gegacker das Ergebnis sein, im Gegenteil:
Sehr melodisch ist die in Köln wirkende, gebürtige österreichische Sängerin Filippa Gojo auf dem jetzt erschienenen Album „daheim“ zu erleben. Die Themen wurden von Sven Decker, einem Kölner Musiker mit saarländischem Geburtsschein, maßgeschneidert, der statt des sonst bevorzugten Saxofons zum Dialog mit Filippa Gojos oft elfengleichem Timbre die Klarinette auserkoren hat.
Fragile Farben von Lamelleninstrumenten, Melodica und Glockenspiel komplettieren das intime Bild. Mal unisono, mal sich aneinander reibend, mal ausgelassen swingend oder mit archaisch anmutender Ruhe gestalten Frauenstimme und Holzbläser ein variantenreiches und überraschungsträchtiges Miteinander, dessen hochkarätige Raffinesse sich mit jedem Hören mehr erschließt.“

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CD- Releasekonzert im „Stadtgarten“ in Köln
Text und Fotos: Kurt Rade  (Virgin Jazz Face)
...Sven und Filippa sind mir mehr als bekannt, denn ihre Laufbahn als Musiker haben beide konsequent vollzogen und schon Spektakuläres auf die Beine gestellt. Neue, eigene Wege zu gehen ist für sie selbstverständlich. Heute nun stellen sie im Stadtgarten in Köln ihre neue Einspielung vor. „daheim“ ist wohl ein ungewöhnlicher Name. Noch vor 20 Jahren hätte man darüber den Kopf geschüttelt, aber zum Glück ändern sich Zeiten und Wahrnehmungen.    
Schon nach den ersten Klängen und „Train Journey“ spürt man eine Befreiung des „daheim“. Die nachfolgenden Kompositionen und ihre Interpretationen lassen den Begriff „Volksmusik“ in ein anderes Licht erscheinen. Beide erfinden nach meiner Meinung diese Musik neu. Mit Stücken wie „Zirbenwald“ „Herbst“ „Grad Celsius“ oder „Summer Song“ wir einer neuer Bezug zu daheim-matlichen Begriffen hergestellt.
Sich immer Gefühlvoll annähern und sich in das Thema fallen lassen, kommunizieren beide auf hohem Niveau. Sie erzählen, geben Geräusche weiter und bauen uns eine Welt, die mal voller Traurigkeit, Humor, geistiger Schönheit, Radikalität und Gradlinigkeit ist.
Der Ausdruck spiegelt sich in ihren Gesichtern- „Intensität“.
Wie fassettenreich Filippa ihre Stimme klingen lässt ist ein Genuss und Sven, dem wohl die Klarinette in die Wiege gelegt wurde, strotzt voller Spielwitz. Es passiert manchmal dass sich Musiker treffen und dann passiert was Außergewöhnliches. Hier trifft es mehr als zu.
Der Saal war ausverkauft und es waren nur noch Stehplätze frei. Ein begeistertes Publikum ließ beide natürlich nicht ohne Zugabe gehen.
Ein Konzert das für mich Richtungsweisend war und in Erinnerung bleibt....“

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Über das schlichte Wörtchen „daheim“ lässt sich trefflich reflektieren: ein sicherer Ort, den man zwar gerne verlässt, zu dem man aber immer wieder ebenso gerne zurückkehrt, Heimat,, die einem Geborgenheit und Verlässlichkeit vermittelt. Mit „daheim“ haben die in Köln lebenden Filippa Gojo (Gesang) und Sven Decker (Klarinetten) auch ihre erste Duo-CD überschrieben, Das Titelstück, das längste des Albums, ist genau in der Mitte platziert, gleichsam als Dreh- und Angelpunkt für die improvisierenden Wanderungen der zwei Musiker. Ein getragener, warmer Bordunklang, in den sich zuerst Deckers mit bauchigen Ton geblasene Bassklarinette schleicht, mal den Klang kräftigend, mal diesen mit Dissonanzen aus dem Tritt bringend, bevor Gojo ein kurzes Gedicht im Dialekt ihrer Vorarlberger Heimat im Westen Österreichs rezitiert. Ohne Hast spricht sie die Wortsilben, der Versrhythmus weist den Weg, der hinter der Bedeutung der Worte führt; ein Ort, wo das akustische Phänomen Musik in energetische Emotionalität transzendiert wird. Um diese siebeneinhalb Minuten herum gruppieren sich die anderen elf Stücke. Mal sind es knappe, prägnant formulierte Unisono-Passagen von Stimme und Klarinette, die etwa neoboppend in die Geschichte des Jazz verweisen, mal sind es flirrend gruppierte Intervalle. Stets sind Gojo und Decker aber auf der Suche nach dem puren Ausdruck, um der jeweils eigenen Persönlichkeit in der gemeinsamen Improvisationsmusik den ihr gebührenden Raum zu geben. Anders als üblich fügen sich die zwölf von Decker komponierten Stücke zu einer Suite zusammen:
Es wird kein Bogen mit einem Anfang und einem Ende geschlagen, sondern ein Kreis mit „daheim“ als Mittelpunkt gezeichnet.“
(Martin Laurentius, Jazzthing „Focus“, April/Mai 2016)

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U.F.O. unidentified flying orchestra
AUSZUG CD- BESPRECHUNG IN DER SZ VON S. UHRMACHER (03/2008)

... Das gleichfalls ''U.F.O. unidentified flying orchestra'' (Green Deer Music) überschriebene Debütalbum lässt die Herzen der Freunde von Blue-notes mit Avantgarde-Appeal im Breitwandformat höher schlagen. Das Ohr kann sich an mancherlei markanten Formeln orientieren; Moderne und Tradition verschmelzen; Druckvolle Fanfaren und swingende Rhythmen erinnern an Bigband-Sound, pikanter Bläser-Schmelz erzeugt wohlige Gänsehaut. Aus der Fusion-Ecke kommen rockige Riffs und durchdringende Gitarrenakkorde, und selbstredend dürfen schräge Geräusch-Passagen nicht fehlen. Das musikalische Geschehen ist weiträumig organisiert: mit Steigerungen und Bündelungen auf der einen und Passagen des Sich-Entspannens und Zerfledderns auf der anderen Seite. Organisch eingebunden sind aus- und ergiebige Improvisationen aus den Orchesterreihen...

OTZ vom 20.5.2008_ Internat. Jazzfestival Greizer Jazzwerk #9



Imposant war am Sonnabend die Band U.F.O. aus Essen, allein durch die Größe. Aber nicht nur die 13, zumeist sehr jungen Musiker, die sich die JazzWerk- Bühne teilten, waren ein Bild für sich.
Die Titel der beiden Bandleader, Katrin Scherer und Sven Decker, rissen vom ersten Ton an mit.
Es rockte, swingte und jazzte. Frisch und mit einer, alle Bandmitglieder einbindenden, gewaltigen Klangkraft befreite U.F.O. den Big-Band-Sound vom Staub der Jahrzehnte.
Musik, die Spaß machte, vorgetragen von einer Band, die mit großer Präzision gemeinschaftlich musizierte, und mit feinen Soli die berühmten i- Tüpfelchen setzte.
(OTZ Greiz vom 20. Mai 2008)

NRZ VOM 30. MÄRZ 2008 (B. Klostermann)


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Nicht als Bigband, sondern als Avantgardeorchester versteht sich das Unidentified Flying Orchestra, kurz: U.F.O. genannt.
Avantgarde? Kein Grund zum Weglaufen.
Die 13- köpfige Truppe um die Essener Holzbläser Katrin Scherer und Sven Decker spielt frisch bis furios die Musik der Bandleader. Manch bekanntes Gesicht der jüngeren NRW- Szene ist dabei, und so wird das Debüt (GREEN DEER MUSIC/ Phonector) zu einer Art Visitenkarte des Jazz in der Region.



Sich auf Fremdes einlassen

Texte von Ernst Jandl und progressiver Jazz in der Schauburg
Von Simon Tönies

Ibbenbüren. Das Bestreben eine eigene künstlerische Ausdrucksform zu finden, verstaubte Konventionen zu sprengen, eine neue, kraftvollere Sprache zu finden – das ist es wohl, was den Grazer Jazzmusiker und Leiter der NDR Bigband, Dieter Glawischnig, mit der experimentellen Lyrik Ernst Jandls verbindet. Am Samstag gastierte er auf Einladung des Buchladens Frank, der Stadtbücherei, des Förderkreises „Vielseitig“ und der Volkshochschule zusammen mit dem jungen, nicht minder experimentierfreudigen Jazzensemble u.f.o. (unidentified flying orchestra) und der Opersängerin Christina Michel in der Schauburg.

Das außergewöhnliche Programm aus jazzigem Avantgardestil, kombiniert mit dynamisch rezitierten Auszügen aus den Jandl-Epen „Laut und Luise“ und „Aus der Kürze des Lebens“ fand offenbar nur wenig Zuspruch und wurde einer leider recht übersichtlichen Besucherzahl präsentiert.
Der erste Teil des Abends gehörte allein den 13 u.f.o.-Vollblutmusikern, die mit abenteuerlichen Kompositionen von den beiden Bandleadern Katrin Scherer und Sven Decker gleichermaßen faszinierten und schockierten. In Titeln wie „Frost“ oder „Mast und Schotbruch“ schmetterten Drummer Nils Tegen und Bassist Hartmut Kracht einen energiegeladenen Groove in den Saal, während sich Holz und Blech mal schrill und druckvoll, mal zurückhaltend und reduziert, über dem rhythmischen Fundament entfalteten. Andreas Wahl setzte mit röhrenden Gitarrenklängen rockige Akzente. Die Kompositionen ließen viel Raum für Improvisationen, bei denen jeder Musiker auf seine eigene individuelle Art zur Geltung kam. Gespielt wurde mit bizarren Geräuschen, ungewöhnlichen Klangfarben und musikalischen Kontrasten, lyrische Passagen wechselten mit vollstimmigen Tutti-Einsätzen. Anerkennenden Applaus ernteten die Jazzer für ihre erfrischende Darbietung, die sicherlich für das unbedarfte Ohr eine schwer verdauliche Herausforderung und ästhetische Provokation war. Die Bereitschaft sich auf Fremdes einzulassen wurde zweifellos gefordert, aber auch belohnt, mit dem ganz besonderen Reiz des Authentisch-Neuen.

Der zweite Teil des Konzerts war den Texten von Ernst Jandl gewidmet. Dieter Glawischnig, der seit den Sechzigerjahren und bis zum Tod Jandls im Jahr 2000 mit dem Dichter zusammengearbeitet hatte, betonte eingangs, dass Jandl nicht einfach zum „skurrilen Witzbold“ stilisiert werden dürfe. Philosophische, kriegsverarbeitende, politische und humanistische Inhalte seiner Werke machten ihn vielmehr zu einem der „wichtigsten Poeten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“. Am knallroten Klavier begleitete er daraufhin das u.f.o. und die Opernsängerin Christina Michel, die Jandl auf eindringliche Weise rezitierte und interpretierte. Die Kompositionen Glawischnigs verschmolzen mit der Sprachakrobatik von Christina Michel, wahnwitzige Sprechrhythmen und der effektvolle Einsatz von Lauten und Wörtern wurden durch die Musik bereichert und verstärkt. Die Auszüge aus „Laut und Luise“ setzten sich zum großen Teil kritisch mit den Themen Tod und Krieg auseinander, wie zum Beispiel in der bekannten Konsonantenohrfeige „schtzngrmm“ oder dem gerade noch als Friedenswunsch identifizierbaren „falamaleikum“, was plötzlich zu einem verstörenden „fallnamalsooovielleutum“ wird. Mit „Aus der Kürze des Lebens“ wurde dann ausgiebig die Dichtkunst aufs Korn genommen. Die Heiterkeit des Lebens spiegelte das Gedicht „diesen tag begehen wir wie einen grund“ wider, was durch einen dynamisch aufbauenden und ausnahmsweise tonal eingängigen Walzer eindrucksvoll unterstrichen wurde. Da fühlte man sich tatsächlich beschwingt bis zum Rausschmeißer „Ssso!“ („Spruch mit kurzem o“), der mit scharfem Tusch aus den Sitzen scheuchte.

Jandl-Liebhaber Dr. Gerd Gerhardt hatte erst kürzlich zu einem Jandl-Vorabend eingeladen. Die musikalische Anreicherung der Texte war für ihn neu, der Abend ein rundum „tolles Erlebnis“. Auch Richard Frank, Inhaber des Buchladens Frank und Mitorganisator des Abends, rühmte die Darbietung als „außergewöhnlich gut“ und Glawischnigs Musik als „kongenial“. „Ich leite die Musik aus der Struktur des Textes ab“, äußerte sich Dieter Glawischnig nach Ende des Konzerts. Ähnliche Gestaltungsprinzipien seien es, die seinen Free Jazz mit der Sprache Jandls verbindet; beispielsweise Motivzerstückelung oder das Abweichen von traditionellen Formen. Nicht weniger traut er diesen „Weltbildern in Kompaktform“ zu, als „ein Stückchen die Welt zu verbessern“.


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Am Anfang war das Wort und dann kam Ernst Jandl

Aberwitz mit Muthspiel und der U.F.O. Band

... Gleicher Start, doch ganz anderes Glück danach mit dem Pianisten Dieter Glawischnig. Der betörte mit dem Essener U.F.O. (unidentified flying orchestra) und der beeindruckenden Rezitatorin Christina Michel durch knackig-raffinierte Arrangements, die grandios - und bei Jandl politischen Texten höchst bösartig - feinen Sprachwitz und jazzige Spielfreude kombinierten. Faszinierend vor allem, wie exakt und doch entspannt das junge Ensemble agierte, fein subtilste Nuancen herausstellte und auch vertrackte Tempiwechsel meisterte.

An diesem Abend spürte wohl jeder der begeisterten Zuhörer das ungeheure Potential dieses entdeckungswürdigen, (noch) nur regional bekannten Orchesters, dessen erste CD ''u.f.o.'' gerade auf Green Deer Music erschienen ist.

von Sven Thielmann, WAZ Ausgabe 28.04.2008


INTERVIEW IM JAZZPODIUM (03/2008)

Interview im Jazzpodium Ausgabe März 2008 mit Katrin Scherer und Sven Decker

Alles begann wie es so oft begann: mit Bodenhaftung in einer klassischen Schüler BigBand. In Sven Deckers Fall in der Schüler BigBand des Saarlandes. Doch Tenorsaxophonist Decker hat sich hinauskatapultiert aus der sicheren, stark frequentierten Flugspur des herkömmlichne Big-Band-Sounds. Hinaus in die unbekannten Weiten des avantgardistischen Klangkosmos. In jener neuen unbekannten Umlaufbahn etablierte Sven Decker einige Fixpunkte. Sein Quartett Feinkost Decker, das preisdotierte Trio Ohne 4 gespielt drei und im Herbst 2005 das Avantgardeorchester U.F.O. (Unidentified Flying Orchestra). Die Mitbegründerin des Orchesters und Kollegin in allen anerden Projekten ist die Saxophonistin, Komponistin und musikalische Partnerin Katrin Scherer. Mit ihr gründete Sven Decker im Frühjahr 2007 auch das eigene Label GREEN DEER MUSIC. Seither fliegen sie unbeirrt ihren Kurs, erregen Staunen wo immer sie landen, und begeistern mit ihren zuweilen sperrigen, aber stets ungewöhnlichen Arrangements, als kämen sie geradewegs von einem anderen Planeten.


U.F.O. steht für „Unidentifiziertes Fliegendes Orchester". Wollt ihr ganz bewusst unidentifiziert bleiben, um in keine Schublade zu geraten?

Nein, uns war einfach wichtig, einen griffigen Begriff zu finden, eingängig und witzig. Wir wollen uns natürlich nicht in eine Schublade stecken lassen, auf jeden Fall aber wollen wir uns von dem Begriff BigBand distanzieren, weil man damit einfach ein bestimmtes Klangbild verbindet.

Wie reagieren denn die Veranstalter auf ein großes Avantgarde-Jazzorchester?

Sven Decker: Uns ist schon klar, dass es schwierig ist für eine 13-köpfige Band Konzerte zu bekommen. Es ist finanziell kaum machbar. Katrin und ich wollen natürlich unseren Musiker auch eine anständige Gage bezahlen. Das Interesse von Seiten der Veranstalter ist groß. Gerade hier im Ruhrgbiet, weil es etwas vergleichbares nicht gibt, aber die finanzielle Durchführbarkeit ist eben nicht einfach. Hauptsächlich versuchen wir, mit der Band auf Festivals zu spielen, da die meisten Clubs die finanziellen Mittel nicht haben.

Wodurch kam die Hinwendung zur avantgardistischen Musik?

SD: Es gibt wenige klassische Big Bands, die mir gefallen. An der Hochschule haben wir dann Stücke von Peter Herborn gespielt und die moderne Big-Band-Musik hat mir immer schon besser gefallen, modern Arrangements, die eher auf Solisten zugeschrieben sind. Was ja auch bei uns der Fall ist. Zu U.F.O. hat mich letztlich auch die Suche nach dem anderen Klang gebracht.

Wie stehst du dem klassischen Jazz gegenüber?

SD: Mein Einstieg in den Jazz war eigentlich der moderne, avantgardistische Jazz. Erst jetzt entdecke ich rückblickend die grundlegenden Stilistiken für mich. Wobei ich sagen muss, dass ich Leute wie Eric Dolphy noch immer interessanter finde als John Coltrane.


Katrin, was ist deine Position gegenüber dem klassischen Jazz?

Katrin Scherer: Bei mir ist die Situation ähnlich wie bei Sven. Ich bin auch eher mit den zeitgenössischen Musikern in Berührung gekommen. Erst während meines Studiums in Amerika habe ich mich intensiv mit der Tradition beschäftigt. Heute allerdings befasse ich mich fast noch mehr mit klassicher Musik als mit Jazz.

Fließt das in deine Kompositionen mit ein?

KS: Das ist eine gute Frage. Ich mag sehr Olivier Messiaen, dessen Kompositionslehre ich ein bisschen studiert habe. Seine Regeln sind schon so etwas wie ein Vorbild für meine eigenen Kompositionen, ich habe deshalb aber kein strenges Konzept nach dem ich ausschließlich komponiere.

Für keine der verschiedenen Formationen?

KS: Es gibt natürlich schon Unterschiede. Wenn ich für eine kammermusikalische Besetzung schreibe, dann ist der Rahmen nicht so eng, schreibe ich für ein großes Ensemble, dann muss man das schon sehr genau machen, sonst klingt es einfach schlecht. Man muss genau wissen was man tut. Mit Improvisation kann man da nicht so viel entschuldigen.

Wie viel der Kompositionen sind ausnotiert?

KS: Bis auf die Improvisationen eigentlich alles. Bei der großen Besetzung erst recht. Bei einem großen Orchester besteht das Thema natürlich nicht nur aus einer Melodie, sonder auch aus verschiedenen Begleitstimmen und Gegenmelodien, ein ausgearbeiteter, erweiterter Leadsheet-Charakter.

Welche Herangehensweise hast du, Sven beim Komponieren?

SD: Ich bekomme viele Impulse beim Musikhören. Und wahrscheinlich liegt es daran, dass ich auch Schlagzeug spiele, denn für mich ist der Ausgangspunkt immer der Rhythmus, der Groove. Zuerst habe ich eine bestimmte Vorstellung von Groove im Kopf, auf den ein bestimmtes Motiv folgt und dann ist das eigentlich schon die Melodie. Früher habe ich eher nach bestimmten Gemütsstimmungen geschrieben, aber wenn man viel Musik für viele Besetzungen schreibt, dann ist das tägliche Arbeit wie Üben auch, unabhängig von Gefühlsschwankungen.

Das heißt, du setzt dich hin, ganz egal, wie es dir geht, und sagst dir: Ich habe zwei, drei Stunden Zeit, jetzt muss geschrieben werden.

SD: Genau so ist es. Man setzt sich hin, reizt es aus so lange es geht und versucht, Lösungen und Wege zu finden. Manchmal gibt es Stücke, mit denen man sich herumquält, man schaut, wie es zusammenpassen könnte, und bastelt. ich weiss jedenfalls schon beim Schreiben, wer was spielen soll. Ich versuche auch dem Schlagzeuger, der für mich der wichtigste Mann in der Band ist, zu sagen, wie er spielen soll. Ich weiss wie ich die Soli verteilen möchte und versuche, das Stück daraufhin anzulegen.

Katrin, was machst du anders als Sven?

KS: So groß ist der Unterschied zwischen Sven und meiner Herangehensweise gar nicht. Ich fange auch erst einmal mit Leadsheets an, schreibe eine Melodie und suche dazu Akkorde und Tonalitäten, Basslinien und Rhythmen.

Also fängt alles mit einer Melodie an?

KS: Ja, im einfachsten Sinn schon, die Sache ist aber, beginnt es wirklich mit einer Melodie oder ist ein Intervall wichtig. Es ist nicht wirklich so, dass ich da sitze und mir fällt eine Melodie ein, es ist eher sehr viel ausprobieren mit Intervallen, Tonfolgen und Proportionen. Und das führt dann zu einer Melodie. Aber Sven ist beim Komponieren viel melodie- und gefühlsbetonter, ich bin neutraler, bei mir muss alles eine Erklärung haben, nachvollziehbar sein.

Was ist deine Intention beim Musizieren, Sven?

SD: Ich schreibe und komponiere so, dass jeder Musiker permanent die Musik mitgestaltet. Musik, die in eine bestimmte Richtung geht. Jeder Teilnehmende kennt die Marschrichtung und alle wissen, welches Ziel man erreichen will. Im Prinzip freie Musik mit Vorgaben. Für mich ist für die Freie Musik die Komposition der absolute Ausgangspunkt. Sie muss für sich genommen schon aussagekräftig sein. Trotz der Vorgaben gibt es natürlich viel Raum für Improvisation. Es ist Katrin und mir wichtig, mit unseren Bands die heutige Zeit zu repräsentieren, so, wie wir sie empfinden, laut, hektisch, schrill und sperrig, zeitgemäß eben. Um damit auch authentisch zu bleiben.

Im Frühjahr 2007 habt ihr euer eigenes Label GREEN DEER MUSIC gegründet. Weshalb?

KS: Die Gewinnspanne im Bereich zeitgenössischer Jazz ist nicht gerade groß, und als Künstler ist man sowieso immer das letzte Glied in der Kette, auch, wenn man, wie wir bisher, bei JazzHausMusik einen Superdeal hatten. Da man die Musik ja selber schreibt und ohnehin alles am Laufen hält, haben wir den Entschluss gefasst, dass wir auch das noch selber machen wollen. Einen Vertrieb haben wir schon.

Habt ihr den Eindruck, dass es jetzt, mit eigenem Label, besser für euch läuft?

KS: Ja, auf jeden Fall. Wir haben alles in der Hand, machen unsere Fehler selbst und stehen selbst dafür gerade. Covergestaltung, Homepage, Management, alles wird von uns selber gemacht. Finanziell profitieren wir natürlich mehr von verkauften CDs, Wir können so unsere Musik viel intensiver voran bringen. Alles hat mehr Richtung

Text: A. Zeh
erschienen im Jazzpodium (Ausgabe März 2008)

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Feinkost Decker

aktuelle Pressestimmen Feinkost Decker "Second Crack" (GDM06/2013)

" „Ruhe! Zurücklehnen! Aufmerksamkeit, bitte! Sven Decker und Katrin Scherer kreuzen die Hörner, der eine mit Tenorsaxofon, Klarinette und Bassklarinette, die andere mit Alt- und Baritonsaxofon, Flöte und Melodica. Das tun sie immer mal wieder, mit dem Trio Ohne 4 gespielt drei oder dem Sextett The Bliss, doch mit Feinkost Decker ziehen die beiden eine Quersumme ihrer Musik: Feinkost, wie der Name schon sagt, ein Paket von hochkomprimierten klanglichen Pretiosen. Mal ist es das Miteinander in den zweistimmigen Sätzen, mal der scharfe Kontrast, mal die schiere Kraft des Ausdrucks oder der verschmitzte Humor der Struktur, mal die beiden Bläser und dann wieder die farbenreiche Basis, die Christoph Hillmann am Schlagzeug und einer afrikanischen Tontrommel und der Kontrabassist Stefan Scheib legen:
„Second Crack“, das neue Album des Quartetts, strotzt vor musikalischer Fantasie, überraschenden Wendungen und feinsinnigen Nuancen. Zuhören! Genießen!“
(Stefan Hentz, Jazzthing April/ Mai 2013)

" Zusammen mit seiner musikalischen Dauerpartnerin Katrin Scherer ist der Kölner Saxofonist Sven Decker in den letzten Jahren vor allem durch das kantige Trio Ohne 4 gespielt 3 bekannt geworden. Sein Quartett Feinkost Decker kommt allein schon durch die Besetzung mit dem Bassisten Stefan Scheib ein wenig konventioneller daher. Vierter Mann ist der Schlagzeuger Christoph Hillmann, der hierzulande zu den großartigsten Vertretern seiner Zunft zählt. Er lässt aus seinem Set einen permanenten Fluss entstehen, der die komplexe Musik gleichzeitig erdet und vorantreibt. Die aus Ostafrika stammende Udu-Trommel integriert er umstandslos in sein Spiel.
An diversen Saxofonen und Klarinetten reiben sich Decker und Scherer unablässig aneinander, lassen harte Swing-Attacken im Raum stehen, ranken sich wie im Titelstück aneinander empor oder betreiben mit viel Witz lebendige Klangforschung. Ab und an flicht Katrin Scherer an der Melodica geisterhafte Zwischenwelten ins Material ein. Die neun Kompositionen stammen allesamt aus der Feder von Sven Decker, und sie stecken voller unerwarteter Wendungen und fintenreicher Dialoge. Herzstück des Albums ist das zehnminütige »Flash Point«, bei dem es trotz gewagter Intervallsprünge und herzerfrischender Improvisationsfreude zwischendurch überraschend entspannt zugeht. Der Abwechslungsreichtum in Instrumentierung und im Zusammenspiel der Akteure ist auf dem ganzen Album so groß, dass man ein Harmonie-Instrument nie vermisst. Vom tiefen Donnergrollen des Baritonsaxofons bis zu federleichten Flöten- und Klarinettentönen reicht die Palette und macht den Besuch von Feinkost Decker zu einem Erlebnis."
(Rolf Thomas, Jazzthetik März/ April 2013), 4 Sterne


„ … von solcher (intelligenter Improvised Music) ist auch Sven Decker inspiriert, dessen Quartett Feinkost Decker auf der CD „Second Crack“ (GDM06, www.greendeermusic.de) luzide Soundscapes zeichnet, denen das Wechselspiel zweier Holzbläser, offene Strukturen, Christoph Hillmanns filigrane Rhythmen und ausgedehnte Soli eine faszinierende Ausdruckstiefe geben- Feinkost in Bio- Qualität!…“
(Sven Thielmann, hifi& records 2/ 2013)


„Wer Delikatessen mag, ist bei Feinkost Decker bestens aufgehoben. Das Kölner Fachgeschäft für geschmackvolle Soundkreationen und für besonders ausgewählte Gaumenfreuden für das Ohr. Am Hauptherd steht der Saxophonist Sven Decker, dem die Beiköche Katrin Scherer, Stefan Scheib und Christoph Hillmann nicht den Brei verderben sondern mit eigenen Kreationen gut Schmeckendes aus der Küche schaffen. Das Quartett strebt einen „kollektiven Bandsound“ an, wie es Sven Decker im Booklet formuliert. Dem kann man zustimmen, denn hier kocht selbst der Chef auf gemeinsamer Flamme. Will heißen, dass Sven Decker zwar alles komponiert, aber längst nicht alles nach seiner Facon ausgerichtet hat. Er selbst findet akkurate Töne auf der Bassklarinette, die Katrin Scherer insbesondere auf dem Baritonsaxophon kontert, während die Rhythmsection mit Bassist Stefan Scheib und Drummer Christoph Hillmann einen wirklich gleich bleibenden und gleich treibenden Grundton serviert. „Second Crack“ ist nicht nur das Nachfolgealbum des unbetitelten Debüts von 2007, es markiert auf den zweiten Schlag berührendes Tonmaterial, das Christoph Hillmann auf der ostafrikanischen Udu- Trommel in exotisches Fahrwasser transportiert. Trotzdem: die Musik von Feinkost Decker bleibt eine westliche Musik, körnig, locker, wohlschmeckend.“
Klaus Hübner (Jazzpodium März 2013)

„Im Verein mit Katrin Scherer (Saxofon), Stefan Scheib (Kontrabass) und Christoph Hillmann (Schlagzeug) kreiert Saxophonist Sven Decker Feinkost für Gourmets eines zeitgemäß progressiven Jazz.
Vor allem besticht, mit welch leichter Hand und Übersicht hier die unterschiedlichsten, mal auskomponierten, mal improvisierten Zutaten von feinen kammermusikalischen bis hin zu deftigen Aromen zu einem pikanten Menü verbunden werden. Bei aller Kunstfertigkeit und experimenteller Würze ist sinnenfreudiger Hörgenuss garantiert.“
Stefan Uhrmacher (Saarbrücker Zeitung), 4 Sterne



Ohne 4 gespielt drei: Debut (JHM, 2006)

CD-Besprechung

von Tobias Böcker im Jazzpodium 07-08/2006

Ohne 4 gespielt drei: Debut
Keine Schnörkel, keine Stilgehorsamkeiten, keine Kompromisse: Wilder ''Pankreas Punk'' und oktoberfestiger ''Fassanstich'', Zick-Zack durchs improvisatorische Unterholz, in viersätziger Suite ''aus der Tiefe des Raumes'' quer durch ''Nordkurve'' und ''Dritte Halbzeit'' bis hin zur ''Well-ness in der Uckermark''.

Ohne vier zu spielen erfordert im Skat Risikobereitschaft, Selbstbe-wusstsein und ein verflucht gutes Beiblatt. Das bringen sie mit: Katrin Scherer, bs, bcl, as, Sven Decker, ts, bcl, cl, electronics, sowie Bernd Oezsevim, dr, perc, alle drei dem Dunstkreis der Folkwang-Hochschule in Essen entsprossen, lassen in ungewöhnlichem Trio dem Mut zur Besetzungslücke ergötzlich freien Lauf, erfreuen durch frische Impro-visationslust, pfiffig ineinander verschlungene Linien, spannende Harmo-nien, kontrastreiche Klangvarianten und eine groovebetont variable rhythmische Gestaltung.

Das alles wirkt bei aller gewieften Komplexität mehr aus dem Bauch als kopfgesteuert und macht deshalb um so mehr Spaß.




CD-Besprechung von Rolf Thomas in Jazzthetik Mai/Juni 2006

Ohne 4 gespielt drei: Debut

Kürzen wir den Namen dieser Band einfach einmal mit O4G3 ab, um mehr über die Musik schreiben zu können. Die ist nämlich, ähnlich wie der Bandname, hochoriginell. Ein Trio mit zwei Bläsern und einem Schlagzeuger, ohne Bass, ohne Klavier- den Mut muss man erst mal haben. Katrin Scherer, Sven Decker und BerndOezsevim hatten ihn, und zu ihrer originellen, nervösen, zickigen, komplizierten und oft aufregenden Musik passt die unkonventionelle Besetzung wie die Faust aufs Auge.

'Old School', um mal ein willkürliches Beispiel herauszugreifen, fängt an, wie es heißt: Vor einem wenig aufre-geden Schlagzeug-Beat produziert sich in aufreizender Lässigkeit eine Bassklarinette. Man ahnt, dass es so nicht weitergehen wird. Und in der Tat: der Ton wird rauer, der Rhythmus bricht ab, minimalistische Phrasen aus dem Zappa-Handbuch wechseln sich mit meditativen Ruhe-pausen ab (natürlich immer viel zu kurz, um allen Ernstes als 'meditativ' durchgehen zu können).

O4G3 spielen, was sie wollen, und sie haben Humor. Darauf deuten Songtitel wie 'Wellness in der Uckermark' ja schon hin (oder soll Botho Strauß mit dieser Vorstellung gepeinigt werden?), aber auch die Musik steckt voller Witz. der kein feistes Schenkelklatschen auslöst, sondern schnell, hell und klar ist. Kurz: Die 'Verweigerung jazzidiomatischer Kate-gorisierbarkeit' (ist es nicht herrlich, was diesen Infozettelschrei-bern so alles einfällt?) gelingt O4G3 in vollen Pracht. Und weil man nie weiß, was als Nächstes um die Ecke kommt, und weil die Platte Spaß macht, ignorieren wir jetzt einfach mal, dass das bisweilen auch anstrengend zu hören ist. 'Aus der Tiefe des Raumes' kommt jedenfalls nicht nur Günter Netzer - gerne mehr davon.

von Rolf Thomas Jazzthetik Ausgabe Mai/Juni 2006


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CD-Besprechung in Jazzthing 06-08/2006

Ohne 4 gespielt drei: Debut

Nicht nur einen seltsamen Namen hat das Bandprojekt ohne 4 gespielt drei, sondern ist darüber hinaus auch ungewöhnlich besetzt: mit Katrin Scherer und Sven Decker an verschiedenen Klarinetten und Saxophonen und dem Perkussionisten Bernd Oezsevim.

Gleich vorweg: Die drei gehören zu einer Generation junger Musiker, die sich bewußt einer eindeutigen Kategorisierung entziehen. Auf ihrem schlicht mit 'Debut' (JazzHausMusik/NRW) betitelten Album mischt sich collagenartig improvisierte Musik mit zeitgenössischer Avantgarde und Neuer Musik, und sogar elektronische, am Dancefloor orientierte Parts sind nicht zu überhören.

''Wir verwenden Electronik, aber nicht deshalb, weil es seit geraumer Zeit hip'', so Decker. ''Vielmehr ist sie für uns fast schon so etwas wie ein viertes Bandmitglied.'' Die drei kennen sich seit ihrer Jugend im Saarland, als sie erst zusammen in der Landesschüler-Big-Band saßen und später im Landesjugendjazzorchester spielten. Während des Musikstudiums an der Folkwang Hochschule in Essen wurden sie von ihren Dozenten in dem Wunsch bestärkt, eigene Stücke zu schreiben und aufzuführen. ''Für uns ist Authentizität schon immer ein wichtiger Aspekt gewesen'', meint Decker.

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: ohne 4 gespielt drei war zum Beispiel 2005 Preisträger des Wettbewerbs jazzwerkruhr. Aber obwohl die Stücke auf ''Debut'' komplex und technisch anspruchsvoll sind, kommt Humor dabei keineswegs zu kurz: So trägt etwa die Suite von Katrin Scherer den Titel: '' Aus Der Tiefe Des Raumes'' und ist mit ihren vier Sätzen so etwas wie ein musikalischer Vorgeschmack auf die anstehende Fußballweltmeisterschaft hierzulande.



...und das Trio 'ohne 4 gespielt drei' , ebenfalls in Essen beheimatet, brillierte auf zwei Blasinstrumenten sowie Schlagzeug und ein wenig Elektronik. Mit fordernden Klangcollagen, krummen Taktspielereien und einem bissigen musikalischen Humor trieben Katrin Scherer, Sven Decker und Bernd Oezsevim dem Jazz jeglichen Staub aus den Rillen....

(aus: Westfälische Rundschau 12.12.2005)


... Klang-Alchimisten sind diese drei Jazzer, ständig auf der Suche nach neuen Tönen in ihren Collagen aus Punk, wilden, expressiven Improvisationen und sanften Balladenmelodien. Humorvoll sind die avantgardistischen Eigenkompositionen, in denen 'Ohne 4 gespielt drei' elektronische Klänge als Joker einsetzt und mit kanckigen Bläser-Riffs über dem Klangteppich des Schlagzeugs trumpft.


'Zick-Zack', so ein Titel der Debüt-CD, die das jazzwerkruhr mit auf den Weg gebracht hat, spielten sich die Essener durch Modern Jazzstile und karikierten dabei mit viel Witz auch das traditionelle Repertoire von Blasmusikkapellen, in denen die Bläser ihre ersten musikalischen Erfahrungen gesammelt haben....

(aus: Ruhr Nachrichten 12.12.2005)



...Es sind die federnden, oft krummen Rhythmen und die komplexen Harmonien, die, von einer zudem ungewöhnlichen Instrumentenkombination gespielt, einen Sog erzeugen, der einen packt. Manches beginnt im einvernehmlichen Bläserunisono bis sich Saxophone oder Klarinetten einander reiben, aber auch herrlich ergänzen....( aus: Ruhr Nachrichten Juni 2005)



... Das Trio zählt zweifelsohne zu den frischesten, frechsten und ungewöhnlichsten Formationen der aktuellen Ruhrgebietsszene. Mit zweifachem Blaswerk, Schlagzeug und reichlich Elektronikas tasten sie sich in tough geschnittenen Collagen an stilistische Grenzen vor: herbe Dissonanzen schneiden schrullige Polkaseeligkeit, erdige Grooves trffen auf kantige Bläserlinien. ohne 4 gespielt drei spielen das Spiel des Jahres..... ( aus K.WEST Juni 2005)



... dass Frauen nicht nur für Gefühle zuständig sind, bewies die Saxofonistin Katrin Scherer der Band ohne 4 gespielt drei. Souverän, extrovertiert und technisch perfekt beherrscht sie die gesamte Palette der Saxofone sowie die Bassklarinette und verbindet diese mit ausgefeilten, lautstarken Effekten. Ihr scheint nichts heilig zu sein: egal ob Schuhplattler oder Marsch, alles endet in den weiten des Free Jazz... ( aus Jazz Pages 05/04)

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